Das Filmarchiv von Hirsch Film


Dresden 1903,
Fahrt über die alte
Augustusbrücke
Seit nunmehr 45 Jahren sammle ich neben meiner Tätigkeit als Kameramann auch Filme. So entstand eine umfangreiche Sammlung von historischen Filmzeugnissen fast ausschließlich zur Dresdner Stadtgeschichte. Die frühesten bewegten Bilder im Hirsch-Filmarchiv sind von 1903. Ausgewählte Filmszenen der Zeit von 1913 bis 1933 enthalten die beiden bisher veröffentlichten DVDs "Dresden in alten Filmen" und "Dresden - Einst & Jetzt". Immer wieder gibt es neue, interessante Funde. Die folgende Geschichte beschreibt den wohl spektakulärsten Filmfund:

Auf einer Bergwanderung kam ich zufällig mit Toni Mahlknecht ins Gespräch. Der Südtiroler hatte als 19jähriger Soldat den Angriff auf Dresden miterlebt und nimmt heute regen Anteil am Wiederaufbau der Frauenkirche.

Mehrmals im Jahr besucht er als Reiseführer die Elbestadt. Wir tauschten unsere Adressen aus. Nach einigen Monaten kam Post aus Südtirol. Auf dem Dachboden eines Bergbauernhofes lägen alte Filmbüchsen von der Firma Ernemann aus Dresden. Ein Hinweis, der wie durch ein Wunder genau den Richtigen Adressaten erreichte. Bis dahin stammten die frühesten Aufnahmen in meiner Sammlung von 1913. 

Dem Hinweis folgend reiste ich nach Südtirol. Auf dem Dachboden des Bauernhofes im Eggental bei Bozen, inmitten alpiner Hochgebirgsgipfel, fanden sich 33 Filmbüchsen aus dem Jahre 1903, darunter auch die frühesten bisher bekannten Filmaufnahmen die in der Stadt Dresden gedreht wurden. Die Filmstreifen im Format 17,5 mm Breite sind nicht wie üblich rechts und links an den Rändern perforiert, sondern haben ein längliches Perforationsloch in der Mitte zwischen jedem Einzelbild. Hersteller der Filme war die weltbekannte Dresdner Firma Heinrich Ernemann. Die „Film-Liste No. 6 - Films für Ernemann Kino“ umfasst 236 verschiedene Filmtitel. Hier sind auch die 33 in Südtirol gefundenen Streifen aufgeführt.

Ernemann Filmrolle
Ernemann Filmrolle
von 1903
Von besonderem stadtgeschichtlichen Interesse sind die No. 419 a „Altmarkt, lebhafter Straßenverkehr, Verkäufer von Extrablättern“ sowie die No. 419 b „Fahrt mit der Straßenbahn über die Augustusbrücke, außerordentlich lohnender Umblick, der Höhepunkt: wir begegnen der Wachparade“. Dabei fährt die Bahn noch über die alte Augustusbrücke von Pöppelmann, die 1907 abgerissen wurde. Andere Filme zeigen Dresdenbesuche von Kaiser Wilhelm II. am 25. Mai 1907 oder Erzherzog Franz Ferdinand (1914 in Sarajevo ermordet) oder einen Löwen im Dresdner Zoo.

Man darf bei diesen frühen Filmen keine wechselnden Einstellungen erwarten. Die Kamera stand an einem festen Punkt von dem aus der gesamte Film in einer Einstellung gedreht wurde. Die einzelnen Filme haben eine Länge von 12 - 20 Metern und wurden mit 16 Bilder pro Sekunde aufgenommen. So dauert die Vorführung eines Films nur etwa 30 bis 40 Sekunden.  Bauer Roman Weissensteiner vom Fleckerhof in Eggen wusste nicht, wie die Filme auf seinen Hof gelangten. Die Büchsen waren in das Papier einer Wiener Zeitung von 1906 eingewickelt. Doch dann stellte sich heraus, dass der Bruder des einstigen Hofbesitzers Lehrer war und die Filme und einen einfachen Projektionsapparat gekauft hatte.

Ernst Hirsch im Archiv von Hirsch-Film, 2002. Foto: Steffen Füssel
Ernst Hirsch im Archiv von Hirsch-Film, 2002. Foto: Steffen Füssel
1903 kamen bei Ernemann produzierte Filmgeräte in den Handel. Die erste Amateurkamera der Filmgeschichte erhielt den Namen „Kino“ - eine Wortschöpfung aus Dresden, die bis heute populär ist. Die „ Kino“, ein universell als Kamera, Projektor und Kopiermaschine einsetzbares Gerät, wurde etwa bis 1913 produziert. Nur ganz wenige Exemplare haben sich erhalten, eines im Deutschen Museum in München. Eine „ Kino“ meiner Sammlung historischer Filmgeräte war in den Technischen Sammlungen Dresden in der Ausstellung „100 Jahre Film“ als Leihgabe ausgestellt. Die dazugehörigen Filmstreifen im ungewöhnlichen Format 17,5 mm wurden einst in Serie produziert. Für gutbetuchte Bürger muss es ein wundersamer Spaß gewesen sein, bewegte Bilder selbst zu konservieren und vorzuführen. Die Filme wurden mir überlassen. Ich ließ das Material restaurieren und umkopieren, um die Bilder mit heutiger Technik vorführen zu können. Nur mit Hilfe der Original-Kamera aus meiner Sammlung war dies möglich. Ingenieur Meinshausen montierte den Kino-Oldtimer auf seine Oxberry-Kopiermaschine. So entstand ein neues 35 mm Negativ.

Ernst Hirsch